Mechanische Musikautomaten
Erst mit der massenhaften Herstellung und Verbreitung der Schallplatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts war ein Möglichkeit gefunden, überall und zu jeder Zeit Musikdarbietungen zu hören. Zuvor musste man entweder ein Konzert besuchen oder aber selbst ein Instrument beherrschen.

Doch auch vor der Erfindung der Tonaufzeichnung konnten mit Hilfe von mechanischen Musikautomaten Melodien schon recht gut wiedergegeben werden. Und so entstanden, vor allem im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, zahlreiche Automaten mit teils unterschiedlichen Prinzipien der Tonerzeugung. Von der kleinen Walzenspieluhr für den Heimgebrauch bis hin zum Orchestrion für den Jahrmarkt reichte die Produktpalette. Heute sind diese frühen Musikautomaten begehrte Sammlerstücke und sehr gesucht.

Die nachfolgenden Bilder zeigen einige dieser Automaten, vorzugsweise Walzenspieluhren und Plattenspieluhren, aus meiner Sammlung. Alle Geräte wurden von mir in vielen Arbeitsstunden aufwendig restauriert und sind jetzt wieder voll funktionsfähig. Trotz ihres hohen Alters von teils über 130 Jahren haben diese Automaten auch in der heutigen digitalen Zeit nichts von ihrer Faszination verloren.

Alle hier abgebildeten Geräte sind Originale und werden rein mechanisch über aufziehbare Federwerke betrieben. Durch anklicken der Bilder können diese in hoher Auflösung angeschaut werden. Um die Funktion zu demonstrieren, steht zu jedem Gerät auch ein Video bereit.
 
Symphonion für Blechplatten mit 24 cm Durchmesser
Spielwerk mit 72 Zungen und Doppelkamm ausgestattet, Korpus Nussbaumfurnier
Baujahr um 1890 in Leipzig
 
 
Symphonion_geschlossen 
 
Symphonion_geöffnet 
 
Anders als bei klassischen Spieluhren mit fest installierter Walze waren hier die einzelnen Lieder auf Blechplatten gestanzt. Kleine Häckchen an der Unterseite betätigen über einen Mechanismus die einzelnen Tonzungen. Die Blechplatten waren einfach und kostengünstig herzustellen. Unzählige Titel wurden produziert und der Besitzer eines Plattenspielautomaten konnte sich nach und nach Lieder zukaufen.
 
Auf dem Spieluhrenmarkt tummelten sich zahlreiche Hersteller. Am weitesten verbreitet waren die Spieluhren von Symphonion, Polyphon und Regina. Paul Lochmann perfektionierte das einige Jahre zuvor entwickelte Prinzip der Lochplatten und gründete 1886 die Symphonion Musikwerke in Leipzig. Wenig später folgen Polyphon, ebenfalls in Leipzig ansässig, und die Firma Regina in den USA. Die Gründer der beiden Firmen waren ehemalige Mitarbeiter der Symphonion Musikwerke.

Obwohl die verschiedenen Hersteller das gleiche Prinzip verfolgten, waren die Blechplatten untereinander nicht kompatibel. Auch gab es, je nach Ausführung der Spieluhr, verschiedene Plattengrößen die wiederum untereinander nicht austauschbar waren. Trotz der Vielfalt waren Plattenspielautomaten bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts recht weit verbreitet und wurden erst mit dem Aufkommen der Schallplatte verdrängt.

Auf dem rechten Bild ist die Unterseite einer Blechpatte mit den kleinen Häckchen abgebildet. 
  Blechpaltte
 
Symphonion_Kamm
 
Demonstration des Gerätes
Polka aus der Operette "Carmen"
 
 
 
 
Walzenspieluhr
Spielwerk mit 56 Zungen, Walzenlänge 125 mm, vier Lieder, Korpus Eiche Vollholz
Baujahr um 1880 in der Schweiz
 
Walzenspieluhr_geschlossen
 
Walzenspieluhr_geöffnet 
 
Die klassische Walzenspieluhr war der Vorläufer des Plattenspielautomaten. Die Melodie befindet sich auf einer Messingwalze welche mit kleinen Stahlnadeln bespickt ist. Jede Nadel steht für einen Ton. Durch zupfen an der jeweiligen Tonzunge wird der Ton erzeugt.

Der große Nachteil dieser Spieluhren ist die quasi fest eingebaute Melodie. Man konnte nur die auf der Walze befindlichen Musikstücke abspielen. Es gab zwar auch Spieluhren mit Wechselwalzen aber die Musikvielfalt war doch auf wenige Stücke beschränkt. Dieser Nachteil wurde mit Verbreitung der Plattenspieluhren behoben.

Ein weiterer Nachteil der Spieluhren war die Herstellung der Walzen. Dies war extrem aufwendig und entsprechend teuer. Für jeden einzelnen Stahlstift musste zunächst ein Loch an der passenden Stelle in die Walze gebohrt werden und dann erst konnte der Stift eingesetzt werden. Alle Herstellungsschritte erfolgen in Handarbeit!

Als Spiezeug werden auch heute noch kleine Spieluhren hergestellt. Sie kommen meist aus Fernost und werden für ein paar Euro vollautomatisch hergestellt. Es gibt aber auch noch einige Firmen welche Spieluhren in höchster Qualität fertigen. Ein bekannter Hersteller ist z.B. die Fa. Reuge in der Schweiz.
Tonkamm   Bei der hier gezeigen Spieluhr sind auf einer Walze vier Lieder aufgebracht. Die Walze dreht sich beim Abspielen eines Liedes genau einmal was einem Lied entspricht. Danach wird sie automatisch um etwa 1 mm nach links verschoben. Bei der nun folgenden Umdrehung treffen die benachbarten Stifte auf die jeweiligen Tonzungen.

Auf dieser Art konnte man mehrere Lieder auf einer Walze aufbringen. Sobald die letzte "Tonspur" abgespielt wurde, springt die Walze wieder komplett nach rechts und das Ganze beginnt von vorne.

Es gibt Spieluhren die bis zu 12 Lieder auf einer Walze vereinen. Auch wurden Uhren mit größerem Walzendurch-messer hergestellt. Dann entspricht bereits eine halbe Umdrehung einem Lied und man hatte dadurch mehr Platz.

Mit Verbreitung der Plattenspieluhren verschwanden die Walzenspieluhren recht bald vom Markt.
 
Walzenspieuhr_Laufwerk 
 
Demonstration des Gerätes
Champagner Walzer von Johann Strauss I
 
 
 
 
Polyphon für Blechplatten mit 39,5 cm Durchmesser
Spielwerk mit 76 Zungen, Korpus Nussbaum Furnier
Baujahr um 1880 in Leipzig
 
Polyphon_geschlossen 
 
Polyphon_offen 
 
Polyphon_Kamm 
 
Demonstration des Gerätes
Intermezzo Cavalleria Rusticana von Pietro Mascagni
 
 
 
 
Polyphon für Blechplatten mit 20,7 cm Durchmesser
Spielwerk mit 56 Zungen, Korpus Nussbaum Furnier
Baujahr um 1890 in Leipzig
 
 
 
Die hier gezeigte Plattenspieluhr von Polyphon war ein preisgünstiges Einstiegsmodell und daher recht verbreitet. Man findet das Modell auch heute noch öfter bei Auktionen oder Antiquitätenhändlern. Der Aufzug der Feder erfolgt von vorne mit einem sogenannten Ratschenaufzug. Wegen des relativ kleinen Kamms ist der Tonumfang nicht so voluminös wie bei größeren Modellen und auch die Spieldauer ist geringer.
 
 
 
 
 
 
 
Demonstration des Gerätes
Weihnachtslied: Stille Nacht, Heilige Nacht
 
 
 
 
Symphonion für Blechplatten mit 30 cm Durchmesser
Spielwerk mit 84 Zungen und Doppelkamm ausgestattet, Korpus Nussbaumfurnier
Baujahr um 1890 in Leipzig
 
 
 
Diese Plattenspieluhr von Symphonion wurde in Gaststätten aufgestellt. Der Gast konnte eine Münze (hier 1 Kreuzer) einwerfen und die eingelegete Platte wurde 2 mal gespielt. Dieses Gerät wurde für den österreichischen Markt hergestellt da es zu dieser Zeit in Deutschland keine Kreuzer mehr gab. Die Umstellung auf die verschiedenen Münzen war recht einfach. Im Innern wird lediglich ein Gewicht angepasst und der Einwurfschlitz muss die entsprechende Größe aufweisen.

Im Prinzip waren diese Uhren die Vorläufer der Jukebox. Die größten Modelle wechselten sogar automatisch die Blechplatten. Alle Geräte funktionieren ausnahmslos über Federwerke die speziell bei den großen Modellen entsprechend mächtig ausgelegt werden mussten.

Anders als die Spieluhren für den Heimbedarf wurden Plattenspieluhren mit Münzeinwurf in viel geringerer Stückzahl hergestellt. Zudem wurden die meisten mit dem Aufkommen des Grammophons achtlos entsorgt. Heute sind sie nur noch sehr selten zu finden. Restaurierte und spielbereite Uhren wechseln auf speziellen Börsen und in Auktionshäusern zu Höchstpreisen den Besitzer. 
 
 
 
Der Doppelkamm mit 2x 42 Tonzungen umfasst einen großen Tonumfang. Entsprechend komplex konnte das Musikstück dargeboten werden. Viele einzelne Töne sind mehrfach auf den beiden Kämmen vorhanden. Dadurch konnte derselbe Ton zeitgleich oder auch kurz hintereinander angespielt werden. Nur so waren schnelle Anschläge gleicher Töne überhaupt möglich. Kleinere Spieluhren hatten diese Möglichkeit nicht.
 
 
Demonstration des Gerätes
Wien bleibt Wien von Johann Schrammel
 
 
 
 
Walzenspieluhr
Spielwerk mit 56 Zungen, Walzenlänge 155 mm, sechs Lieder, Korpus Nussbaum Furnier
Baujahr um 1880 in der Schweiz
 
 
 
 
 
 
Demonstration des Gerätes
Lied der Loreley nach Friedrich Silcher
 
 
 
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